Das Rödinghausener Altarbild

Das Rödinghausener Altarbild stammt aus dem Jahr 1520. 

 

 

 

Zur Beschreibung der einzelnen Bilder wird nach obigem Muster verfahren.

 

 

 

Bilder 1 bis 3

 

Bild 1:  Gethsemane

In dem Gethsemane- Bild fällt auf, dass die drei schlafenden Jünger von kräftiger Gestalt sind und wohl eine Stunde mit Jesus hätten wachen können worum er sie gebeten hatte. „ Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" heißt es in Matth.26,40. Die große Einsamkeit wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Jesus hier den Tod vor Augen hat. In der Sterbestunde möchte der Mensch nicht gerne allein sein. Wie groß muss die Einsamkeit eines Menschen wohl sein, der so im Stich gelassen wird. Jesus ringt um die Erkenntnis des Willen Gottes und um sein „Ja" zu diesem Willen. Dieses Ringen geschieht ungeschützt in dieser Welt. Das Bild zeigt uns nicht nur den Menschen in seiner Einsamkeit. Es zeigt uns auch den Weg aus der Einsamkeit heraus. Jesus betet und wer betet, der redet mit Gott und kann nicht einsam sein. Jesus ging durch diesen Gebetskampf so gestärkt aus der Einsamkeit hervor, dass er im Vertrauen auf die Nähe Gottes seinen Leidensweg gehen konnte.

Bild 2:  Die Folterung

Das zweite dargestellte menschliche Leid ist die Folter. Es ist ein Leid, das Menschen sich gegenseitig zufügen und das die ganze Brutalität offenbaren kann, zu der Menschen fähig sind. Die Bibel erzählt an keiner Stelle, dass Jesus krank gewesen ist.  Aber was körperliche Qualen sind, hat er am eigenen Leibe erfahren. So einen Heiland zum Weggenossen zu haben, hat Christen schon immer neue Kraft und Trost gegeben.

Entstehungsjahr:

In der Geißelung des Herrn steht an der Wand hinter der Geißelsäule geschrieben: M D X X (1520 )

Bild 3:  Die Dornenkrönung- die Verspottung

Mit einem dicken Ast wird Jesus die Dornenkrone auf das Haupt gedrückt. Mit einem solchen Ast kann man aber auch einen Menschen zu  Boden drücken. Und das will man hier. Aber  diese beiden  Soldaten schaffen es nicht. Im Gegenteil, Jesus trägt auch sie. Die entscheidende Aussage macht der dritte Soldat, der vor Jesus kniet. Er streckt Jesus die Zunge heraus, das ist Spott. Und damit wird hier ein drittes menschliches Leid zum Ausdruck gebracht: der Spott. 100 Jahre später dichtet Paul Gerhard in einem Passionslied: „....o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron...." Es geht hier in den ersten drei Bildern um ein dreifaches menschliches Leid. Es ist schwer zu entscheiden, welches das Schlimmste ist.

 

 

 

Bilder 4 bis 6

Bild 4: Jesus vor dem Volk in Jerusalem

„Seht welch ein Mensch"Joh.19,5.  Pilatus stellt Jesus als einen gefesselten und gequälten Menschen vor. Pilatus zieht den schönen Mantel weg, als wolle er sagen, „Seht das ist der Mensch". Nach außen hat er einen „schönen Mantel" um. Wird er aber weggezogen dann zeigt sich, wo das Leben dem Menschen Wunden geschlagen hat und auch, wo er gebunden ist.  Vor Jesus stehen die Bürger von Jerusalem. Im Vordergrund ein protziger Mann. Sein ganzes Gesicht drückt Überheblichkeit aus. Mit seiner rechten Hand will er die Sache von Jesus vom Tisch wischen. Aber er steht auf „wackeligen Füßen". Er gebraucht eine starke Krücke, um sich abzustützen. Der Einzige, der auf diesem Bild einen kräftigen Schritt nach vorn macht, ist Jesus selber. Von ihm allein geht der entscheidende „Fortschritt" aus, er allein treibt die Geschichte zu ihrem Höhepunkt und dem Ziel entgegen.

Bild 5: Die Verurteilung

Pontius Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld Matth. 27,24. Er sitzt auf seinem Richterstuhl wie eine beleidigte Schönheit und versucht mit allen Mitteln, den Prozess loszuwerden, um Jesus nicht verurteilen zu müssen. Der Ankläger links und auch die anderen Beteiligten zeigen dem mächtigen Pilatus, wo er seine Grenzen hat und dass er hier nach ihrer Pfeife tanzen muss. Jesus nimmt das Ganze gelassen. „Du hast keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre. Joh.19,11

Bild 6: Auf dem Weg nach Golgatha

Dieses Bild zeigt uns Menschen, die schwer zu tragen haben und unter ihrer Last fast zusammenbrechen. Aber es zeigt auch, wie dem Menschen geholfen wird, weil einer  die Last des anderen mitträgt. Jesus bricht unter dem Kreuz zusammen, aber ihm wird geholfen: „Simon von Kyrene", der Kleinste auf dem Bild, fasst mit zu und hilft ihm das Kreuz zu tragen. Man muß nicht immer etwas „Großes" sein, um in der Gemeinde helfen zu können. Was die „kleinen Leute" tun, ist nicht selten am wirkungsvollsten. Auch Maria hat schwer zu tragen, man sieht sie im Hintergrund mit dem großen Tränentuch. In dem Bild ist noch ein zweites Kreuz versteckt, das wir Menschen gar nicht sehen und viel schwerer ist. Es ist die Bosheit der Menschen, unsere Sünde. Die trägt Jesus allein für alle Menschen. Die Schuld, die in uns allen steckt, können wir bei ihm abladen, er hat sie für uns ans Kreuz getragen.

Bild 7

Bild 7:  Die Mitteltafel

Hier stehen im Mittelpunkt die drei Kreuze. Wie auf allen Bildern aus der Zeit um 1500, so auch auf diesem, ist nur Jesus ans Kreuz genagelt. Die beiden Verbrecher sind an ihren Kreuzen festgebunden. Diese symbolische Darstellung soll zum Ausdruck bringen: Nur Jesus, der frei am Kreuze hängt ist „freiwillig" hier, die Verbrecher müssen für ihre Taten büßen und sind an ihre Kreuze gebunden. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Beiden. Der zur Rechten von Jesus schaut voll Vertrauen auf Jesus, er hat seinen Herrn  fest vor Augen. „Herr, denke an mich wenn du in dein Reich kommst. Luk24,42. Der zur Linken wendet sich ab, er will mit Jesus nichts zu tun haben. Luk24,39. Er schaut ins Nichts, in die Verlorenheit. Es heißt: Was Menschen im Gesicht geschrieben steht, das ist wichtig, daraus kann man viel lesen. Da gibt es auf dem Bild ganz außen den „schwörenden Hauptmann". Wie ein Kontrapunkt steht er unter den Menschen, die sich abwenden und doch eingeladen werden, das Heil zu empfangen. „Wahrlich dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen" Matth.27,54. Diese Figur ist eine der schönsten und eindrucksvollsten des ganzen Altarbildes.

Es sind da noch drei miteinander streitende Soldaten zu sehen. Direkt unter dem Kreuz schlägt man sich um den Rock Christi. Und wo zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Diese Szene unter dem Kreuz zeigt, dass Streit und Totschlag durch Christi Kreuz nicht aufgehalten werden. Unter den beiden Soldaten, die sich schlagen, sind zwei Menschen, die sich vertragen. Es sind der jüdische König Herodes und der römische Prokurator Pontius Pilatus, beide zu Pferde. "Auf diesen Tag wurden Pilatus und Herodes Freund, denn zuvor waren sie einander feind"Luk23,12. Die Darstellung ist doppeldeutig. Einerseits kann hier dargestellt sein: Die beiden Machthaber freuen sich, es geschafft zu haben, Jesus zu beseitigen; andererseits kann die Darstellung auch zeigen, wie sich unter dem Kreuze Christi auch größere Gegensätze aussöhnen lassen.

Die Menschen auf diesem Bilde zeigen, wie unterschiedlich sie mit dem Kreuzgeschehen umgehen. Da ist die Frau, die unter dem Kreuz sitzt. Man nimmt an, dass sie die Stifterin dieses Altars ist. Durch ihre Kleidung weist sie sich als eine adelige Dame aus. Sie verdeckt ihr durchaus schönes Gesicht. Hier wird kein Personenkult getrieben. Was sie aber deutlich zeigt, ist ihr Platz, den sie eizunehmen wünscht, hier unter dem Kreuz. Und ebenso deutlich, zeigt sie ihre leere Hand, als ob sie sagen wollte, ich hatte so viel Geld, dass ich den Altar bezahlen konnte, aber in Wirklichkeit ist meine Hand leer.

Und da ist noch die kleine Gruppe der Frauen unten links. Hier wird uns vor Augen geführt, was wir in der Kirche unter Diakonie verstehen können. Da ist der hilfsbedürftige Mensch, (Maria) die Mutter Jesu. Die Frau links neben ihr greift ihr unter die Arme, sie stützt sie. Diakonie ist immer praktisches Anfassen und Helfen. Johannes auf der rechten Seite tröstet sie. Es gibt Nöte, da kann Trost eine entscheidende Hilfe sein. Auch die dritte Frau oberhalb von Maria tut etwas für Maria; sie betet für den Menschen in seiner Not. Fürbitte für andere Menschen zu halten, bedeutet auch immer, Gottes Segen zu erbitten an den Stellen, wo wir Menschen unsere Grenzen haben. Diese Gruppe ist sehr harmonisch angeordnet und so gehören sie zusammen: der hilfsbedürftige Mensch und die Menschen die ihm Hilfe bringen. Anfassen, Trösten und Fürbitte halten.

Bilder 8 und 9

Bild 8:  Die Beweinung und

Bild 9: Die Grablegung sind zusammen zu betrachten.

Diese beiden Bilder, die hier untereinander angeordnet sind, müssen  zusammen   gesehen  werden.   Beide   Bilder verdeutlichen uns menschliche Situationen im Zusammenhang mit dem Tode eines geliebten Menschen. Beide Darstellungen sind sehr konservativ im Stil. Die Vielzahl der beteiligten Personen fällt hier auf. Es sind auf beiden Bildern sieben Personen, die Zahl sieben ist in der Bibel die Zahl der Fülle. z.B. die sieben Seligpreisungen in der Bergpredigt.

Bild 9: Die Grablegung

Hier ist nun wirklich die Trauer eingekehrt. Die Menschen sind sich bewusst, dass sie Abschied nehmen müssen. Auch dies ist eine wohlbekannte menschliche Situation. Wenn der Sarg in die Erde geht,  ist es für viele der schwerste Augenblick bei einer Beerdigung. Hier wird am deutlichsten Abschied genommen und der Schmerz ist am größten. Im Trauerhause hat beides sein Recht: der tiefe Schmerz um den endgültigen Verlust und die schönen Erinnerungen an eine schöne, gemeinsam verlebte Zeit.

Bilder 10 und 11

Bild 10: Die Niederfahrt

Niedergefahren zur Hölle. Das Tor zur Hölle—„zum Totenreich" ist aufgestoßen und liegt unter Jesu Füßen. Aus dem Totenreich befreit Jesus die Repräsentanten der Menschheit Adam und Eva. Sie sind nackt. Der Tod nimmt den Menschen alles, ihm bleibt nichts mehr. Über dem Tor sehen wir den Herrscher im Totenreich, den Teufel. Eva hat den Versucher nicht übersehen, mit der goldenen Frucht will er Eva locken. Ein alter Trick. Er ist uns schon aus dem Paradies bekannt. Damit beschreibt dieses Bild richtig die Situation des von Christus befreiten Menschen. Der erlöste Christenmensch wird immer wieder vom Teufel versucht werden. Der Teufel ist auf diesem Bild ein Weibsteufel. In der Zeit um 1500 wurde der Teufel immer weiblich dargestellt. Wen wundert es, dass 100 Jahre später die Frauen als Hexen verbrannt wurden. Man beschuldigte immer nur Frauen, mit dem Teufel im Bunde zu sein.

Bild 11:  Die Auferstehung

Dieses Bild zeigt Jesus als Sieger über den Tod. Dass es hier der Gekreuzigte ist, der  aus dem Grabe heraus steigt, zeigen deutlich sichtbar seine Wundmale. Seine Seitenwunde ist geöffnet wie ein sprechender Mund. Seine Siegesfahne ist das Kreuz. Die Berge im Hintergrund sind in Bewegung geraten . Auferstehung bringt Leben, aufwühlendes Leben. Die Menschenwelt, die ihre Wächter eingesetzt hat, um die Auferstehung zu verhindern und dieses Ziel nicht erreicht hat, wird hier dreifach dargestellt. Einer sinkt machtlos zu Boden. Der Andere wird geblendet von dem Ereignis und der Dritte protestiert wütend gegen den Ostersieg. Christus selber schreitet als Sieger durch die ohnmächtig geblendete und protestierende Menschheit hindurch, seine rechte Hand zum Schwur erhoben. Der Schwur bekräftigt die Aussage: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Bilder 12 und 13

Bild 12: Die Himmelfahrt

Es ist ein fast "niedliches" Bild. Jesus entschwindet seinen Jüngern, nur noch seine Füße sind zu sehen, aber auf dem Berg sind noch seine Fußspuren. Im Mittelpunkt steht die versammelte Gemeinde. Auf der linken Seite befindet sich einer, von dem nur das Haar zu sehen ist, er hat noch kein Gesicht. Er ist der Jünger, der kurz darauf hinzu gewählt wurde, um die Zahl zwölf wieder voll zu machen. Im Vordergrund dieser Szene stehen Maria und Johannes. Jesus hat Maria Johannes als Seelsorger an die Seite gegeben. Es herrscht Abschiedsstimmung. Für die einen ein Diskussionsthema für andere ein unglaubliches Wunder und für Dritte eine Tatsache, mit der und aus der sie leben.

Bild 13: Die Wiederkunft

Traditionell auf diesem Bild ist: der doppelte Regenbogen, die Weltkugel unter seinen Füßen. Die Gräber tun sich auf und geben ihre Toten frei. Die Engel kündigen mit ihren Posaunen das Endgericht an. Dass die Erde eine Kugel ist, ist inzwischen auch schon bekannt. Sie ist der Schemel seiner Füße. Es gab im späten Mittelalter viele Bilder, die den wiederkommenden Christus als den unerbittlichen, fast unbarmherzigen Richter zeigten. Vor einem solchen Bild ist Martin Luther zusammengebrochen. Rechts und links neben Jesus knien zwei anbetende Menschen. In der christlichen Kunst der damaligen Zeit ist das immer Johannes der Täufer, der größte des Alten Testaments, und Maria, die größte des Neuen Testaments. Johannes d. T. ist erkenntlich an dem Gewandt, das in einem Tierkopf endet.

Die Predella

Der das obere Altarwerk tragende Apostelschrein der Predella (1,93 m breit, 54 cm hoch) ist siebenteilig mit Strebepfeilern und Ranken ausgestattet. In der Mitte steht Christus als Weltenherrscher, in der linken Hand hält er die Weltkugel. Die zwölf Apostel sind in sechs Kästen zu jeweils zweien angeordnet, und sie stehen im Dialog miteinander. An ihren jeweiligen Attributen sind sie erkennbar. Von links nach rechts sind dies: Matthäus (Hellebarde), Jakobus minor (Walkerstange), Johannes (Gift-Kelch), Jakobus major (Evangelienbuch und Pilgerstab), Andreas (Schrägkreuz), Petrus (Schlüssel) und rechts von Christus: Paulus (Schwert), Ptholomäus (Messer), Simon (Säge), Judas Thaddäus (Keule), Philippus (Kreuzstab), Thomas (Winkelmaß).

Alle Figuren hat der Künstler barfuss dargestellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maria unter dem Kreuz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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